Die Keksbeschimpfung

Unter den Backwerken sind die Kekse (oder „Plätzchen“, wie der sonderbare Germane sagt) die mit Abstand unverschämtesten: feiste, aus Zucker und Fett gefertigte Flegel. Primitive, speckige Spitzbuben, die nichts anderes im Sinn haben, als die Österreicher dazu zu verlocken, sich in der Weihnachtszeit ihre an sich schon ansehnlichen Austrowampen blitzartig auf doppelte Michelin-Reifenbreite hinauf aufzupumpen.

Dazu ist dem Keks jedes Mittel recht. Erstens ist das Keks ein Resultat der hinterfotzigen Kunst, die größtmögliche Kalorienmenge auf kleinstmöglichem Raum unterzubringen. Zweitens greifen Kekse ungeniert direkt in den Hirnstoffwechsel ein. Wer sich ein Vanillekipferl einverleibt – wehret den Anfängen! -, der wird sich unweigerlich zehn weitere einverleiben. Dass Heroin, nicht aber Kokosbusserln unter das Suchtmittelgesetz fallen, ist eine der großen Perversionen unserer Legislative.

Christoph Winders Kolumne im STANDARD: Haut euch über die Häuser, Husarenkrapferln!

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Aufgeschnappt: Mehr Demokratie?!

Unter dem Vorzeichen der direkten Demokratie wird jeder Unsinn als Beitrag zur Meinungsbildung legitimiert. Musste man früher Parteien gründen, Versammlungen organisieren und Unterschriften sammeln, genügt heute ein Account bei Yahoo oder Googlemail, um sich Gehör zu verschaffen. Hat der Buchdruck die Verbreitung von Wissen demokratisiert, demokratisiert das Internet die Kommunikation. So geraten Ideen in die Öffentlichkeit, die noch vor 30 Jahren allenfalls am Stammtisch oder im Wartezimmer eines Arztes ausgetauscht worden wären. (…) In der Tat hat im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Demokratisierung stattgefunden, die nicht nur auf mehr Bürgernähe und Bürgerbeteiligung hinausläuft. Dieselben Politiker, die bei jeder Gelegenheit die Menschen „abholen“ und „mitnehmen“ möchten, beklagen zugleich die zunehmende „Politikmüdigkeit“ und „Politikverdrossenheit“ ihrer Klientel, ohne zu überlegen, ob diese Müdigkeit und Verdrossenheit nicht auch das Ergebnis der Rund-um-die-Uhr-Fürsorge sein könnte. Wenn sich Politiker wie Sozialarbeiter aufführen, dann wird aus dem „mündigen Bürger“ ein renitenter Zögling, der die Heimleitung durch passiven Widerstand oder aktiven Liebesentzug abstraft, sei es, dass er gar nicht zur Wahl geht oder Außenseiter wie die Piraten oder die Alternative für Deutschland wählt. (…) Unter dem Vorzeichen der direkten Demokratie wird jeder Unsinn als Beitrag zur Meinungsbildung legitimiert. Musste man früher Parteien gründen, Versammlungen organisieren und Unterschriften sammeln, genügt heute ein Account bei Yahoo oder Googlemail, um sich Gehör zu verschaffen. Hat der Buchdruck die Verbreitung von Wissen demokratisiert, demokratisiert das Internet die Kommunikation. So geraten Ideen in die Öffentlichkeit, die noch vor 30 Jahren allenfalls am Stammtisch oder im Wartezimmer eines Arztes ausgetauscht worden wären.

Henryk M. Broder in der WELT: Wir sollten lieber weniger Demokratie wagen

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