Aufgeschnappt: Herfried Münkler

PRESSE: In Österreich ist der Populismus mindestens seit Haider en vogue. In Deutschland hat er eigentlich nie eine Chance gehabt.
MÜNKLER: Die Deutschen konnten nie erzählen, dass sie die ersten Opfer Hitlers gewesen sind. Es gibt daher eine sehr hohe Sensibilität in Gesellschaft und Medien gegenüber rechtspopulistischen Bewegungen. Es besteht aufgrund der deutschen Geschichte ein sehr großes Alarmismus- und Skandalisierungspotenzial. Das hat sich in Österreich so nie entwickelt. Oder sagen wir so: Die Österreicher wählen mit einem notorisch besseren Gewissen. Ihnen zuckt die Hand nicht zurück, wenn sie auf gewisse rechtspopulistische Formeln zugehen.
(…)
PRESSE: Wer wird ins Vakuum treten, wenn sich die USA als Weltsheriff, wie sich abzeichnet, in die zweite Reihe zurückziehen?
MÜNKLER: Das Problem ist, dass niemand die Aufgabe der USA als Globo-Cop übernehmen kann und will. Frieden im globalen Maßstab leidet unter dem bekannten Trittbrettfahrer-Phänomen: dass gern alle die Segnungen eines weltweiten Friedens einstreichen wollen, aber keiner die Anstrengungen, diesen auch aufrechtzuerhalten oder durchzusetzen, auf sich nimmt. Diese Rolle ist den USA nach 1990 zugefallen. Sie sind auch aufgrund unkluger Politik überfordert – wirtschaftlich, aber auch mentalitätsmäßig. Dazu kommt die Selbstblockade des UN-Sicherheitsrats, der von seiner Zusammensetzung ein merkwürdig antiquiertes Instrument ist. Wenn man es ganz pessimistisch sieht, ähnelt die Lage dem Niedergang des British Empire Ende des 19. Jahrhunderts als Globo-Cop. Die USA werden in deutlich reduziertem Umfang als Bewahrer gewisser Regeln auftreten – unter anderem, dass der Zugriff auf strategische Ressourcen wie Öl nur gegen Zahlung zulässig ist und nicht durch Eroberung mit Panzern –, also als Hüter des Status quo der kapitalistischen Weltordnung. Bei der Durchsetzung werden die USA jedoch sehr viel zurückhaltender agieren. Für uns Europäer heißt das, dass wir uns um unsere Ränder sehr viel mehr und vor allein kümmern müssen.

Absolut lesenswertes Interview von THOMAS VIEREGGE in der PRESSE mit dem tollen Politologen Herfried Münkler: „China kann vor Kraft kaum laufen“

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