Kopf des Tages … Stepan Bandera

Bandera und die Fälle anderer umstrittener, längst verstorbener ukrainischer Nationalisten lassen erahnen, wie gespalten dieses Land ist. Nicht nur in der Krim-Frage. Und wie schwierig es ist, sich auf eine auch nur ansatzweise gemeinsame Bewertung der eigenen Geschichte und Identität zu einigen. Denn der Nationalismus, der Janukowitsch nach den Protesten in Kiew mit aus dem Amt spülte, hat historische Wurzeln, die bis heute heftige Emotionen auslösen.
Bandera etwa gilt bis heute im russisch geprägten Osten der Ukraine als Kriegsverbrecher, Terrorist, Faschist, Antisemit und NS-Kollaborateur. Ebenso harsch sind die Einschätzungen in Polen und Russland. In sowjetischen Schulbüchern wurde er über Jahrzehnte als Vorzeigebösewicht dargestellt, verantwortlich – zumindest als geistiger Wegbereiter – für etliche Massaker der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA) an der polnischen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs. In der Westukraine hingegen wird Bandera bis heute als Volksheld und Widerstandskämpfer gefeiert, der sich sowohl gegen die sowjetischen als auch gegen die deutschen Aggressoren gewehrt habe. Etliche Straßen in der Westukraine tragen seinen Namen, es gibt Bandera-Büsten, und in Lwiw, dem früheren Lemberg, soll ein Bandera-Mausoleum entstehen. (…)
Tiefer Hass und tiefe Verehrung, Verräter oder Freiheitskämpfer – wie kommt es, dass ein Mann mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod 1959 immer noch so gegensätzliche Gefühle hervorruft?

Christoph Gunkel im SPIEGEL: Tiefe Verehrung, tiefer Hass

Quelle: http://www.uionv.com/Stepan%20Bandera.jpg